Brief an Hitler

 

 
                    

Berlin, Ostermontag

11. April 1933

 
     
 

Herr Reichskanzler!

In Ihrer Bekanntgabe vom neunundzwanzigsten März des Jahres hat die Staatsregierung die Acht über die Geschäftshäuser aller jüdischen Mitbürger verhängt. Beleidigende Inschriften: »Betrüger! Nicht kaufen! Den Juden den Tod!«, gemalte Wegweiser: »Nach Jerusalem!« leuchteten an den Spiegelscheiben der Warenhäuser, Männer mit Knüppeln und Faustbüchsen hielten vor den Türen der Läden Wache, und zehn Stunden lang hat man die Hauptstadt zum Schauplatz der Belustigung der Massen gemacht. Dann, zufrieden mit dem Eindruck dieser höhnischen Maßregel, hob man das Verbot des Handels wieder auf und die Straßen zeigten ihr gewohntes Bild.

Aber ist, was nun folgte, nicht schlimmer? Jüdische Richter, Staatsanwälte und Ärzte werden aus ihren wohlverdienten Ämtern gestoßen, man sperrt ihren Söhnen und Töch­tern die Schulen, treibt die Hochschullehrer von der Kanzel und schickt sie auf Urlaub, eine Gnadenfrist, die niemandem zweifelhaft sein kann, beraubt die Leiter von Schauspielhäu­sern, Schauspieler und Sänger ihrer Bühnen, die Herausgeber von Zeitungen ihrer Blätter, stellt ganze Handbücher über jüdische Dichter und Schriftsteller zusammen, um unter ihnen die Wächter der sittlichen Ordnung des Tages zur Stummheit zu verurteilen, und statt in seinen Geschäften trifft man das Judentum dort, wo seine für die Gemeinschaft edelsten Werte ruhen, im Geist.

[...]

Gerechtigkeit war stets eine Zierde der Völker, und wenn Deutschland groß in der Welt wurde, so haben auch die Juden daran mitgewirkt. […]Erinnern Sie sich, dass es Albert Einstein, ein deutscher Jude war, der Erschütterer des Raumes, der wie Kopernikus über sich in das All griff und der Erde ein neues Weltbild geschenkt hat! […]Erinnern Sie sich, dass es Emil Rathenau, ein deutscher Jude, war, der die Allgemeine Gesellschaft zur Erzeugung des geheimnisvollen Stromes von Kraft und Licht in fremden Län­dern zu einem Weltwerk machte! Haber, ein Jude war es, der wie ein Zauberer in seiner Kolbenflasche der Luft den Stick­stoff entwand, Ehrlich, ein Jude und ein weiser Arzt, der mit seinem Heilmittel gegen die Lustseuche diese schleichende Krankheit in unserem Volke beschwor. Selbst jenes sechzehn­jährige Mädchen, das auf den Wettkämpfen in Amsterdam mit ihrem anmutigen Degen den Sieg Deutschlands erfocht, war eine jüdische Jungfrau, die Tochter eines Anwalts, eben eines jener Anwälte, die man im Begriff steht, schimpflich von unseren Gerichtshöfen zu vertreiben. Erinnern Sie sich – ach, ich müsste Blätter füllen, wollte ich nur ihre Namen aufzählen, deren Fleiß, deren Klugheit für immer in unserer Geschichte verzeichnet stehen. […]


Welches Verhängnis für jene, die das Land, das sie aufnahm, mehr liebten als sich selbst. […] Welche unglückliche Liebe! Denn sie werden nicht glauben, dass Juden unser Land nicht zu lieben vermöchten, weil sie fremden Stammes sind. Haben sich nicht auch im deutschen Volk viele Stämme gemischt, Franken, Friesen und Wenden? War nicht Napoleon ein Korse? Kamen Sie selbst nicht zu uns aus einem Nachbarlande? […]


Herr Reichskanzler, es geht nicht um das Schicksal unserer jüdischen Brüder allein, es geht um das Schicksal Deutschlands! Im Namen des Volkes, für das zu sprechen ich nicht weniger das Recht habe als die Pflicht, wie jeder, der aus seinem Blut her­vorging, als ein Deutscher, dem die Gabe der Rede nicht ge­schenkt wurde, um sich durch Schweigen zum Mitschuldigen zu machen, wenn sein Herz sich vor Entrüstung zusammenzieht, wende ich mich an Sie: Gebieten Sie diesem Treiben Einhalt! Das Judentum hat die babylonische Gefangenschaft, die Knechtschaft in Ägypten, die spanischen Ketzergerichte, die Drangsal der Kreuzzüge und sechzehnhundert Judenverfolgungen in Russ­land überdauert. Mit jener Zähigkeit, die dieses Volk alt werden ließ, werden die Juden auch diese Gefahr überstehen – die Schmach und das Unglück aber, die Deutschland dadurch zuteil wurden, werden für lange Zeit nicht vergessen sein! Denn wen muss einmal der Schlag treffen, den man jetzt gegen die Juden führt, wen anders als uns selbst? […]

An die Stelle des sittlichen Grundsatzes der Gerechtigkeit tritt die Zugehörigkeit zu […] einem Stamm. […] Von nun an aber wird auch der Untüchtige, der Gewissenlose sich sagen: nur weil ich nicht Jude bin, werde ich dieses Amt bekleiden, mein Deutschsein genügt, ja, ich kann hinter seinem Schild vielleicht ungestraft eine üble Handlung begehen. […] Die Unterscheidung des Guten und Bösen ist aufgehoben […]

Herr Reichskanzler, die Völker wie die Menschen kennen einander nicht, das ist ihr größter Mangel. […] Sie berufen sich darauf, dass Deutschland sich in einer Notlage befinde, aber statt die Sache aller Unterdrückten zu führen, beruhigt man das Unglück eines Teiles des Volkes durch das Unglück des andern, ja, man gibt sogar zu, dass die Schuld der Juden zum Heile des Vaterlands notwendig sei! Doch es gibt kein Vaterland ohne Gerechtigkeit! […]


Herr Reichskanzler! […] Schützen Sie Deutschland, indem Sie die Juden schützen! […] Führen Sie die Verstoßenen in ihre Ämter zurück, die Ärzte in ihre Krankenhäuser, die Richter auf das Gericht, verschließen Sie den Kindern nicht länger die Schulen, heilen Sie die bekümmerten Herzen der Mütter, und das ganze Volk wird es Ihnen danken. […]

»Es gibt nur einen wahren Glauben«, ruft der weise Immanuel Kant aus der Gruft […] Ihnen zu, »wenn es auch verschiedene Bekenntnisse geben mag.« Folgen Sie dieser Lehre, die Ihnen auch das Verstehen jener offen­baren wird, die Sie heute bekämpfen. Wahren Sie die Würde des deutschen Volkes!

 
                         
 

Sprecher: Elmar Nettekoven

Abdruck und Einspielung dieses Textauszuges auf CD II des Armin T. Wegner Hörbuches „Bildnis einer Stimme“
Hrsg. Ulrich Klan, Wallstein Verlag Göttingen 2008, ISBN 978 – 3 -8353 – 0405 - 5

Textrechte beim Wallstein Verlag

 

Anmerkung des Herausgebers: Im Booklet des Hörbuches liegt diese Kurzfassung von Wegners „Brief an Hilter“ auch in englischer, französischer, arabischer und herbräischer Übersetzung vor.