Am 16. Oktober 2010

 

trafen sich am Vormittag um elf Uhr trotz regnerisch kŸhlen Herbstwetters Mitglieder der Armin T. Wegner Gesellschaft

und Freunde Armin T. Wegners und Lola Landaus

vor der Gedenktafel fŸr Armin T. Wegner am Kaiserdamm 16

 

 

 

 

Nach einfŸhrenden Worten des Vorsitzenden Thomas FlŸgge spielte die Musikerin Karola Elssner auf dem Saxophon.

 

Krikor Melikyan, der ursprŸnglich Texte von Armin T. Wegner und Lola Landau lesen wollte, war gerade von einer schweren Grippe genesen und fŸhlte sich deshalb dazu nicht in der Lage, war aber zu den Zusammentreffen gekommen!

 

An seiner Statt sprach Johanna Wernicke-Rothmayer Ÿber die Geschichte des Wohnhauses am Kaiserdamm 16:  

 

Armin T. Wegner und Lola Landau wohnten seit 1921 in Neuglobsow in ihrem ãHaus sieben WŠlder. Wie es zu dem Ortswechsel Neuglobsow – Berlin gekommen?

 

ãDie Stadt war notwendig fŸr die Kinder, die eine hšhere Schule besuchen sollen.

Ich hatte gedrŠngt, um der Kinder wissen, in die Stadt zu Ÿbersiedeln, und Armin hatte nach heftigem Schweinwiderstand gern nachgegeben. Denn auch er brauchte die Stadt, sehnte sich nach dem Umgang gleichgesinnter Freunde. Auch er wollte sich der vereisenden Isolierung entziehen, die in den Wintermonaten unser einsames Haus einfror.

Lola Landau: Vor dem Vergessen. Meine drei Leben, S. 235

Ein paar Jahre spŠter resŸmiert Wegner fŸr sich:

 

ãAm Ende dieser Jahre kehren wir in die Stadt zurŸck. Warum haben wir diesen Schritt getan? Vielleicht liegt ein Rest menschlicher SchwŠche darin, noch nicht ganz jenes Nirwana ertragen zu kšnnen, bei dem wir aufhšren, uns als wesentlichen Teil dieser Welt zu fŸhlen. So mŸsste eine dauernde Flucht auf das Land den KŸnstler mit Notwendigkeit zum Verlust seines Ehrgeizes fŸhren, um ihn gleich BŠumen und Tieren triebhaft leben zu lassen É

Armin T. Wegner: Ich fasse die Erde an

 

Die Wohnungssuche jedoch erweist sich im Berlin der Zwanziger Jahre als schwierig.

Sie sind nahe daran, aufzugeben und zurŸck in die WŠlder zu fahren. Nur eine letzte Wohnung wollen sie sich noch ansehen.

 

Das Haus ist am Kaiserdamm, der Ausfallstra§e zu den Havelseen, fŸnf U-Bahn-Stationen vom Zoologischen Garten. Lola Landau erinnert sich:

 

ãAls wir ausstiegen, befanden wir uns auf einer schneewei§ glŠnzenden breiten Stra§e. Wei§ war auch das hohe Mietshaus, und als wir in dem schmalen Fahrstuhl in den vierten Stock hinauffuhren, hatte ich mit dem GefŸhl des Schwebens im Ungewissen plštzlich die Empfindung: ãHier bin ich schon einmal gewesen. Das habe ich genauso getrŠumt.Ò

 

Hatte ich vielleicht auch den schrillen Ton der Klingel getrŠumt? Die kleine Diele, die beiden Vorderzimmer mit dem Blick auf die kerzengerade, ins Unendliche fŸhrende Stra§e? Und war ich nicht schon frŸher einmal durch das schiefwinklige Durchgangszimmer gegangen, das die Wohnung in zwei Teile zerschnitt, und zu der KŸche und den Hinterzimmern  fŸhrte?

 

Dieses Durchgangszimmer war wie die Treppe im Haus in den WŠldern, die BrŸcke zwischen Armins Welt und dem Bereich der Kinder. Ich lief zwischen beiden hin und her. Zugleich war es unser Esszimmer, der Treffpunkt der Familie, wo wir uns alle um den Mittagstisch versammelten.Ò

Lola Landau: Vor dem Vergessen. Meine drei Leben, S. 244

 

ãEs waren die Jahre des Ehrgeizes und des ErfolgesÒ, sagt Lola Landau – und fŸr Wegner waren es auch die produktivsten Jahre:

 

In dieser Wohnung hat er seine bedeutendsten Werke geschrieben – seine Berichte Ÿber seine beiden gro§en Reisen: ãFŸnf Finger Ÿber dirÒ in die Sowjetunion zehn Jahre nach der Revolution und ãJagd durch das tausendjŠhrige LandÒ – zusammen mit Lola Landau - nach PalŠstina zu den jŸdischen Siedlungen.

In dieser Wohnung hat er aber auch die glŸcklichsten Jahre mit Lola Landau, seiner Frau, seiner Partnerin, seiner gro§en Liebe verbracht.

 

Vor der abschlie§enden Lesung eines lyrischen Textes Armin T. Wegners spielte Karola Elssner noch einmal eine wunderbare Melodie – diesmal auf dem Duduk, der armenischen Flšte und leitete damit sehr einfŸhlsam Ÿber zu einem Gedicht, das genauso gefŸhlsvoll beides verbindet: Wegners Liebe zu Lola Landau - und seine Liebe zum Er-fahren und Er-leben auf Reisen:

 

 

Fromm sind in BŸchern Worte der alten Dichter,

davon dir mein Mund zu heiliger Klage scholl.

Doch sŸ§er rauschen FlŸsse und Sterne mein Lied.

 

Meine Schreibtafel ist die Erde.

Mit dem Griffel der FŸ§e sang ich mein Leben Ÿber die Welt.

Lies auf den Gipfeln der Berge das Gesicht meiner Trauer

und meine Lustspiele Ÿber dem Meer.

 

Aus WŠldern schreit meine grŸne Stimme.

†ber den Steppen die blaue Wolke wei§ meinen Schlaf,

tiefer verschweigen die Dšrfer das Echo der Stunden,

bis im Sand meiner Schritte dŸrres Gebet verklingt.

 

Meile auf Meile schrieb ich die Stra§e zu dir.

Wo einst im Schatten der LŠnder schlie§t sie des Grabes blinder Punkt,

StŸrzt Ÿber die Seiten der marmorne Deckel?

 

In Asche zerfŠllt der Leib wie im Winde das Haus,

der meiner Worte silbernen Rauch entfŸhrt.

Aber im ewigen Wandel rollt ihren bemalten Bauch die tanzende Erde.

 

Einst singt dir das Weltall mein Lied.

 

Armin T. Wegner: Der Hšllische Brautgesang XII in: Die Stra§e mit den tausend Zielen, S. 150

 

 

Gedenktafel ATW Berlin Kaiserdamm 16