Armin T. Wegner

Der Riese Landschaft

 

                  
 

Der Riese Landschaft bin ich, bunt gefleckt

Im Wiesenschurze, grau den Bart der Wälder;

Durch Meer und Ebnen atmend hingestreckt,

Dehnt nackt mein Leib die braune Haut der Felder.

Es schläft mein Haupt im Berge Ararat,

Die rechte Hand will den Vesuv umspannen;

Um meine Füße rollt das Kattegatt,

Die linke welkt im Staube der Savannen.

Durch meine Adern fließt der gelbe Nil.

Die Tiere kommen, aus der Flut zu trinken,

Es treiben mit gedämpftem Saitenspiel

Die Liebenden auf schmalem Boot. Und sinken

Die Wasser, grünt das Land. Ich trug den Tod,

Krieg, Hochzeit, Götter, römische Trieren,

Die Völker schuf ich, und ich gab euch Brot,

Aus meinem Fleische eure Brut zu nähren.

Wenn ich mich recke, tief in meinem Schlaf,

Zittern die Dörfer, die am Hang der Glieder

Gebettet ruhen. Wo mein Puls sie traf,

Stürzen die Städte. Asche regnet nieder.

Und tausend Jahre sind ein Atemzug

In meinem Munde. Ninives Geschlechter,

Die leicht wie Grasflur meine Lende trug,

Verdorrn im Wind, ein klirrendes Gelächter.

 

 
 

Abdruck und Einspielung auf CD I des Armin T. Wegner Hörbuches „Bildnis einer Stimme“
Musik:
© 2003 George Dreyfus (Melbourne) – im Auftrag des internationalen Musik- und Verständigungsprojektes „picture of a voice“ der Armin T. Wegner Gesellschaft

Hrsg. Ulrich Klan, Wallstein Verlag Göttingen 2008, ISBN 978 – 3 -8353 – 0405 - 5

Textrechte beim Wallstein Verlag