Armin T. Wegner

 

Die Gurgel der Welt

 

                            
 

 

[É]Baku hei§t in der Sprache Persiens ãder Windsto§".

Ewig lebt er in ihr, der Nordwind, im Sommer glŸhend von den hei§en Steppen, im Winter eisig von dem Schnee der Gebirge, geschwŠngert mit dem Speichel des …ls, der von seinen kalten Lippen auf die Kleider und Gesichter der Menschen tropft. [É ] Ich gehe durch ãTschorny Gorod", die seltsame finstere Stadt der Schwarzen TŸrme, die sich rings um Baku erhebt. [É]

 

Gleich riesigen schmutzigen PfŸtzen liegen die …lfelder da. [É] TŸrme reihen sich an TŸrme, Pumpen an Pumpen, mit der unermŸdlichen Arbeit des Schluckens beschŠftigt wie saugende Blutegel, die an der Erde hocken. …l, …l, …l.  Es sprŸht aus den Quellen, pulst in den eisernen Adern der Rohre. [É] †berall stršmt Gas aus, hšrt man das Schluchzen und Seufzen der Pumpen. Und der schwere, zŠhe Sirup des rohen Naphtas breitet sich in den KanŠlen, den Seen aus. Nirgends ein Baum, eine Blume oder auch nur ein kŸmmerliches Gras. Der schwarze Schlamm, den das Naphtha aus der Tiefe mit heraufspŸlt, hat alles getštet.

Der Boden ist glatt wie Seife. Die Erde eitert.   [É] 

 

1918 wurden die in- und auslŠndischen Besitzer der …l­quellen von Baku enteignet und vertrieben. Doch die mŠchtigen …lriesen Englands und Amerikas, die Standard-Oil und die Royal-Dutch-Shell-Gesellschaft, wollten das russische …l nicht aufgeben. Sie kauften die …lquellen Bakus von den entthronten und geflŸchteten Gšttern des alten Russland, Nobel, Rothschild, Taigew und anderen, die sie gar nicht mehr besa§en, gegen bares Geld in der Hoffnung auf den baldigen Zusammenbruch der bolsche­wistischen Herrschaft.

Nichts ist spannender, als die Geschichte des russischen …ls nach dem Kriege zu verfolgen; denn es scheint fast, als wŠre die Politik der gro§en verbŸndeten LŠnder des Westens von diesem Augenblick an hinter den TŸren aller Verhandlungen [É]in Wahrheit von keinem anderen Triebe mehr bewegt gewesen als dem Durst nach …l.

 

Kaum waren die gro§en …ltrusts in England und Amerika im Besitze der alten Aktien, so erklŠrten sie den Boykott Ÿber das ãgestohlene" russische Naphtha.

ãHŠnde weg vom roten …l!" schrieen sie laut im Namen der britischen GlŠubiger und verschworen sich gegenseitig, niemals dieses …l zu berŸhren.

Aber das …l war mŠchtiger. [É] Die FŸhrer der gro§en Trusts begannen einzusehen, dass es fŸr sie wichtiger war, GeschŠft als GeschŠft zu betrachten, als auf moralische GrundsŠtze zu pochen. Sie, die schon so viel dieses giftigen Fusels der Erde getrunken hatten, dass es scheint, dass nicht mehr Blut, sondern …l die Kammern ihrer Herzen be­wegt.

Sie wichen der neuen russischen Macht; sie betrogen sich gegenseitig und kauften heimlich hinter ihrem RŸcken russisches …l. WŠhrend sie sich mit der rechten Hand verschworen, niemals eine Tonne kaukasischen Naphthas zu erwerben, feilschten sie mit der linken um ihren Preis. [É]

Aber auch Russland selber blieb diesem Gesetz des machthungrigen …ls nicht weniger unterworfen. Russland, dessen Arbeiter und Bauern durch einen grausamen Zug der Natur sich gezwungen sahen, dieses …l an ihre schlimmsten Feinde zu verkaufen. Denn das russische …l versorgt nicht nur die Friedensindustrie der anderen LŠn­der, sondern [É] auch die Kriegsflotten von vier kapita­listischen MŠchten der Welt. [É]

Das …l hat alle Všlker in Bewegung gesetzt, die wie dursttolle Herden sich um diese TrŠnke zu rei§en be­ginnen. …l! schreit Amerika, …l! schreit England, …l! schreien die Schiffe, die Maschinen, …l! schreit die Gurgel der Welt.

Ja, man muss sich erinnern, dass die Wirtschaft der Všlker den Schlund eines SŠufers hat, um zu begreifen, dass diese schmutzige Stadt Baku mit ihrem verbrannten Boden, ihren zerfallenen HŸtten, ihrer trostlosen …de die ungestillte Sehnsucht der LŠnder ist, ein Schatz, fŸr dessen Gewinnung man Hunderttausende von Menschen ge­schlachtet hat und wieder zu schlachten bereit ist – in einer Welt, die toll scheint vom Rausche des …ls.

 

 
 

 

Abdruck und Einspielung auf  CD I des Armin T. Wegner Hšrbuches ãBildnis einer StimmeÒ
Hrsg. Ulrich Klan, Wallstein Verlag Gšttingen 2008, ISBN  978 – 3 -8353 – 0405 - 5

Textrechte beim Wallstein Verlag  - Sonstige Rechte beim Herausgeber 

Sprecher: Elmar Nettekoven        
Musik: Bu da
ğda ceyran gezer (ãEinsames Reh am Berge - Meine Schšne, wo bist du geblieben?Ò) -  trad.  aus  Azerbaijan               
Gesang:  Fatma  K
õzay                                 
Aufnahme:  Jonathan Rabanus  (becky records)   2008