Ich gehe durch Jerusalem 

 

Ich gehe durch die Stadt, Jerusalem zu suchen. Wir alle tragen es in uns, Juden,  Christen, Mohammedaner, wie wir es einmal in der Kindheit erträumten  -  das Jerusalem unseres Herzens.

 

Automobile rattern neben mir, Stimmen schreien.  Araber, Jemeniten, Griechen, Armenier, Juden drängen sich über die Jaffastraße. Gelbe hässliche Steinhäuser reihen sich aneinander. Die Asphaltwege gleißen. Mächtige Baugerüste erheben sich aus der Tiefe des Tales. Überall ist die Erde aufgerissen, Steine und Schutt liegen umher.

 

Wie findet man eine Straße in Jerusalem? Gehen Sie auf den Platz vor dem Kino, dort biegt eine Gasse ab, an ihrem Ende werden Sie einen Gemüseladen finden, dort kauft der Herr, den Sie suchen, seine Früchte. Fragen Sie, und man wird Ihnen sein Haus zeigen. Ich stolpere über Erdlöcher, biege um einen Winkel und stehe endlich vor einer Gruppe vornehmer, vielstöckiger Häuser wie in einem neuen Stadtviertel von Berlin oder Prag.

 

In der Altstadt schütten die Obstbasare ihre Körbe über die Straße. Die Gassen sind eng und schmutzig wie in jeder Kleinstadt des Orients. In einem offenen Keller geht ein Kamel mit verbundenen Augen vor einer Ölmühle unermüdlich im Kreise umher. Die Wände der Grabeskirche sind schwarz von Kerzenrauch. Silberne Blechlampen hängen von der Decke herab wie in einem Klempnerladen; kein kunstvolles Heiligenbild, kein erhabenes Mosaik. Durch diese Gasse ist Christus zur Hinrichtung gegangen, ein paar Steinpfeiler, ärmliche Häuser wie an allen Bergstraßen Kleinasiens  -  aber warum rührt mich dieses alles nicht an? 

 

Die Luft ist frisch. Es riecht nach Wind. Ich gehe durch die Stadt, Jerusalem zu suchen und kann es nicht finden.

 

Warum belügt ihr uns alle? Warum belügt ihr euch selber, ihr Schriftsteller, Pilger, Reisenden, warum ruft ihr euch so lange mit Gewalt eure Erinnerungen, eure toten Träume zurück, bis ihr sie wirklich zu schauen glaubt, die nirgends in der ganzen Welt weniger lebendig sind  als hier? Warum ruft ihr den Mondschein zu Hilfe, wenn ihr nachts auf die Stadtmauer der alten Davidsburg steigt  -  die Erde ist überall seltsam, unwirklich und geisterhaft in seinem Licht.

 

Diese Stadt ist nicht still, dunkel und alt. Sie ist bitter und verworfen, und lüstern, sich selbst mit Blut zu beflecken  -  ein unheiliger Steinbruch. Nirgends scheint der Kreuzweg zweier feindlicher Welten im Orient deutlicher erkennbar. Hass, Rache und Neid wohnen in ihr und die Begierde nach einem sehr nüchternen und amerikanischen Reichtum.

Am Abend betrete ich die Gassen der alten Judenstadt. In vielfachen Stockwerken erheben sich die Wohnungen in den Häusern. Treppen, Winkel und Gänge sind ineinander geschoben, die Menschen leben so eng wie in einem Gefängnis.

 

Es ist Sabbatabend. Aus der chassidischen Synagoge tönt der Gesang der Betenden wie der Schrei von Besessenen. Aus den Fenstern fällt Lichtschein, und in den Zimmern sieht man die zu Hause gebliebenen Frauen einsam neben der brennenden Kerze vor ihren Gebetbüchern stehen. Männer im Kaftan, die Pelzmütze oder den breiten schwarzen Hut auf dem Kopf, huschen im Dunkel vorüber. Es sind Aschkenasi, ostdeutsche Juden  -  aber sie sind nicht zu freien Bürgern des neuen Jerusalem geworden. Sie haben die abergläubischen Gebräuche ihres Gettos mit sich gebracht wie die Schnecke ihr Schneckenhaus, wie der Gefangene den Kummer seiner Vergangenheit in der Seele. Geht man durch ihre Gassen, könnte man glauben, in einer Straße von Kowno oder Lublin zu sein.

Als ich zurückkehre, begegne ich auf der Basartreppe dem Menschenstrom wieder. Araber, Armenier und Russen, europäische, sephardische und bucharische Juden eilen vorüber. Ich sehe sie alle an, ihre erhabenen Stirnen, sehe die verhaltene Inbrunst ihrer offenen, glühenden oder kalten und versteckten Augen und denke:

Jerusalem wohnt nicht in diesen Steinen, diesen Häusern, diesen traurigen, schmutzigen Mauern, es wohnt in ihnen allen  -   aber sie erkennen es nicht!  [...]       

 

 

 
   
 

Auszug aus: Armin T. Wegner “Am Kreuzweg der Welten”, Berlin 1930.  Die vorliegende gekürzte  Version ist als Hör- und Lesefassung wiederveröffentlicht auf dem Hörbuch “Armin T. Wegner, Bildnis einer Stimme”, Hrsg. Ulrich Klan,  Wallstein-Verlag 2008. ISBN -NR: 978 – 3 – 8353 – 0405 – 5.

Textrechte beim Wallstein-Verlag.

 


 

 

                       




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