Armin. T. Wegner Anfang1934
nach seiner Entlassung aus der KZ-Haft-
          Foto aus Familienbesitz

 

Armin T. Wegner  -   Zivilcourage als Programm

 

von Ulrich Klan 

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Ein Satz von Johannes Rau, der seine Amtszeit als Bundespräsident überdauert hat, lautet: „Zivilcourage braucht positive Beispiele“. In der Tat: Wir wissen von zu wenigen. Nach wie vor.

Ein solches Beispiel ist Armin T. Wegner. Ein deutscher Dichter und Kriegsgegner, ein Reiseschriftsteller und Anwalt der Menschenrechte. Ein Bestsellerautor, der später um so gründlicher vergessen und verdrängt wurde. Ein Prominenter, der nicht weg schaute. Der handeln musste, „wenn das Herz sich vor Empörung zusammenzieht“, wie er schrieb. Auch als er noch nicht prominent war.

Armin T. Wegners Beispiel ist gegenwärtig. Seit 2002 haben sich im In- und Ausland Schriftsteller, Musiker, Künstler, Journalisten, Wissenschaftler, Pädagogen und einfach `nur` Begeisterte zur Armin-T.-Wegner-Gesellschaft e.V. zusammengeschlossen. Die internationale Vereinigung hat ihren Sitz in Wuppertal, der Geburtsstadt des Dichters. In Los Angeles folgte 2003 die Gründung der Armin T. Wegner Society of USA. Werk und Beispiel des vergessenen deutschen Weltbürgers werden wieder zugänglich - im deutschsprachigen Raum ist die Armin-T.-Wegner-Werkausgabe im Wallstein-Verlag in Vorbereitung. Ein neuer Menschenrechts-Filmpreis in Hollywood trägt den Namen des Dichters: „Armin T. Wegner Award“, der seit 2003 jährlich verliehen wird.

Um Werk und Botschaft Armin T. Wegners wurde auch ein internationales Musik- und Verständigungsprojekt realisiert - unter dem (Wegner-) Titel „Bildnis einer Stimme / Picture of a voice / Pittura di una voce / Görünen Ses / Patker me Zaini / Surat e-Saut / Zelem Schel Hakol“. Gestartet 2003 mit Unterstützung von Bundespräsident Johannes Rau, organisierte dieses Projekt der Wegner-Gesellschaft Uraufführungen, Lesungen, workshops und - nachhaltig - die internationale Doppel-CD "Bildnis einer Stimme" mit mehrsprachigem Booklet (170 Seiten stark).
Dabei wirkten in Los Angeles, Melbourne, Rom, Paris, Wien, München, Berlin, Köln, Wuppertal und Bochum Musiker, Schriftsteller, Journalisten, Techniker und Sponsoren zusammen. Entsprechend dem außergewöhnlichen interkulturellen ´Radius´ Armin T. Wegners wurden deutsche, jüdische, arabische, türkische, armenische, aserbejdschanische und italienische Künstler/innen für dieses Projekt gewonnen: Wege der Verständigung durch die „Weltsprache Musik“ - um Werk und message eines Botschafters des Friedens und der Zivilcourage: Nicht zufällig setzte Wegners humanistisches Wirken immer wieder an den Schnittpunkten jener Kulturen an, deren Verhältnis bis heute von tiefen Konflikten geprägt ist.

Tollkühn Armin T. Wegners legendärer Protestbrief an Hitler im Frühjahr 1933 - als die Nazis die Macht schon übernommen hatten. Wegner forderte darin, die Pogrome gegen die Juden zu stoppen. Der Brief war der Höhepunkt seines langjährigen Widerstandes gegen Gewalt, Intoleranz und Hass. In der braunen Machtzentrale bestätigte Martin Bormann „ordnungsgemäß“ den Eingang dieses außergewöhnlichen Dichter-Schreibens. Bemerkenswert: Wegner setzte sich darin bei Hitler nicht nur für die jüdischen Mitbürger ein, sondern auch für die Moral und das Ansehen Deutschlands: „Wahren Sie die Würde des deutschen Volkes“ beschwor er den Nazi-Kanzler.

Außergewöhnlich couragiert der Einspruch des Dichters gegen den Völkermord, den die jungtürkische Regierung 1915 / 16 an den Armeniern verübte. Armin T. Wegner war im Ersten Weltkrieg Augenzeuge dieses beispiellosen Verbrechens, er besuchte die Todeslager der Armenier im Gebiet des heutigen Irak.

Hand und Fuß: Am Wegrand der deportierten Armenier fand Wegner 1916 diesen armenischen
Kinderschuh. Er bewahrte ihn während seines eigenen lebenslangen Exils auf. Seine Tochter Sibyl
Stevens schenkte ihn 2005 der Armin-T-Wegner-Gesellschaft. Sie zeigt ihn hier auf ihrer Hand.       
                                                                                                                                             
Foto: Ulrich Klan

So etwas aufzudecken, erforderte Mut – hier wie dort. Deutschland war schon zu Kaisers Zeiten eng mit der Türkei verbündet: Von höchsten deutschen Stellen wurde „Wegsehen“ verordnet . Offiziell geduldet, wurde das Verbrechen des „Waffenbruders“ vielfach von Deutschen ermuntert und unterstützt. Nach außen wurde es auch durch deutsches Schweigen gedeckt.

Bis heute findet dieses Schweigen beredte Anwälte: Aktuelle Bündnisse sollen von Belastung freigehalten werden – zum Beispiel das Bündnis mit der Türkei in der NATO. Paradox: Als „belastend“ gilt dabei nicht die gemeinsame Schuld, sondern die, die daran rühren. Ob das verdrängte Thema endlich offiziell zur Sprache kommt , etwa bei Gelegenheit der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, hängt vom Rückgrat heutiger Verantwortlicher ab, von den Stimmen derer, für die Besinnung mehr als eine Sonntagsphrase ist. Deutsche, die ihre eigene Lektion gelernt haben, können einen wichtigen Beitrag dazu leisten. „Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung“ sagte Martin Buber – diese Erkenntnis beleuchtet nicht nur den mühseligen Aufarbeitungsprozess deutscher Schuld gegenüber den Juden. Sie kann weltweit heilsam wirken. Auch für die offizielle Türkei und ihre Verbündeten kann sie zum Schlüssel werden, sich mit jenem dunklen Fleck ihrer Geschichte auseinander zu setzen. Wir können dabei in aller Freundschaft helfen.

Vor unvorstellbarem Leid versagt die Sprache des Alltags. Wo uns die Worte fehlen, schlägt die Stunde der Dichter, der Kunst, der Musik, des Mythos. Als die Worte fehlten, um das bis dahin beispiellose Verbrechen zu bezeichnen, mit dem die Armenier systematisch vernichtet wurden, griffen Augenzeugen auf den biblischen Begriff „Holocaust“ zurück. Das war lange bevor dieses Wort zum Synonym der Shoah, der Vernichtung der europäischen Juden, wurde. Beide Verbrechen sind ´unterirdisch´ miteinander verbunden - und es waren Künstler, Hellsichtige, wie zum Beispiel Armin T. Wegner, Franz Werfel oder Ossip Mandelstam, die dies erkannten.

Allianzen des (Ver-)Schweigens waren hier wie dort der Aufarbeitung des Holocaust nicht dienlich. Allerdings: Ohne Armin T. Wegner und einige wenige aufrechte Mitstreiter, ohne die eigenhändigen Fotodokumente des Dichters von den Todeslagern der ausgetriebenen Armenier, ohne seinen internationalen Protest wäre die Mauer des Schweigens noch höher, die Leugnung des Verbrechens noch dreister. Es war dieses Schweigen, welches - nachgerade als Modell scheinbar strafloser Verdrängung - etwa die Nazis in ihren eigenen mörderischen Plänen bestärkte. Hitler bezog sich ausdrücklich darauf, als er äußerte: „Wer redet noch von den Armeniern?“

Es bedarf mehr Engagierter wie Wegner, um die Vertuschung, Verharmlosung oder Aufrechnung von Verbrechen unmöglich zu machen. Der Dichter blieb zu seiner Zeit ein relativ einsamer Rufer in der Wüste. Dass – mit dem Verbrechen - auch der Anwalt der Verfolgten verdrängt wurde, ist dabei kein Zufall. Er verschwand, weit mehr als andere Autoren, aus der Erinnerung der Deutschen.


WER REDET NOCH NOCH VON ARMIN T. WEGNER?

In seinem Geburtsland, dem ´Land der Dichter und Denker´, wurde er beschämend lange „vergessen“. Irgendwann kam für den alten Herren, im Dutzend mit anderen, das obligate Bundesverdienstkreuz – für eine Einladung Armin T. Wegners in die Bundeshauptstadt
reichte es nicht. Auch die DDR zeigte ihm die kalte Schulter: Als er beim dortigen Kulturminister anklopfte, wurde er gar nicht erst empfangen. Ein Affront, der Wegner um so härter traf, als jener Minister Johannes R. Becher hieß - einst ein vertrauter Dichter-Kollege und ehemaliger Freund Wegners. Immerhin: Seine Geburtsstadt Wuppertal zeichnete ihn mit dem angesehenen von-der-Heydt-Preis aus. Seine Bibliothek und sein Arbeitszimmer in Rom vererbte er nach seinem Tod der Stadt Wuppertal, die damit dauerhaft ein Armin-T.-Wegner-Zimmer in der Stadtbücherei eingerichtet hat.

Im Ausland ist Wegners Name heute weithin verbunden mit aufrechtem Gang, Einfühlung in „die anderen“, Völkerverständigung und Engagement gegen Krieg und Terror. In den USA wie auch in Italien hat die Ausstellung „Armin T. Wegner und die Armenier in Anatolien“ großen Zulauf. Sie dokumentiert Wegners eigene Fotografien, die er - unter höchstem eigenen Risiko - als Augenzeuge von der Austreibung der Armenier machte. Und erinnert an seinen lebenslangen öffentlichen Einspruch gegen dieses Verbrechen – etwa in seinem Offenen Brief an US-Präsident Woodrow Wilson („Ein Vermächtnis in der Wüste“). Es wird höchste Zeit, dass diese Ausstellung endlich auch nach Deutschland geholt wird.

In Armenien und unter den Armeniern weltweit ist Armin T. Wegner bis heute hoch verehrt für die Solidarität, mit der er an das Leiden dieses Volkes erinnerte. Er ist in der armenischen Hauptstadt Jerewan bestattet. Doch auch mit der türkischen Kultur wie mit den Muslimen ist der Dichter bleibend in Freundschaft verbunden. Fern von Hass und jedwedem eiferndem Nationalismus differenzierte er:

„Ich klage nicht den Islam an. Der Geist jedes großen Glaubensbekenntnisses ist edel, und die Handlung manches Mohammedaners hat uns vor den Taten Europas die Augen niederschlagen lassen. .Ich klage nicht das einfache türkische Volk an, dessen Seele von tiefer Sittlichkeit erfüllt ist.“

Seine „Türkischen Novellen“ gehören zu den Meistererzählungen Armin T. Wegners. Als Zeugnisse außerordentlichen Respekts vor der anderen Kultur sind sie kaum wieder erreichte `Modelle` lebendiger Begegnung mit dem Fremden - heute hochaktuell. Umgekehrt wird Wegner in der Türkei und in arabischen Ländern mit großem Respekt erinnert. Man gab ihm dort den Ehrennamen „Armin Tarik Wegner“: Das „T“ in seinem zweitem Vornamen , das eigentlich „Theophil“ bedeutet, wurde zu „Tarik“, das ist „Der des Weges Gehende“ – so erkannte man zugleich auch den tieferen Sinn seines Nachnamens - „Wegner“. Die „türkische“ Komödie „Wazif und Akif oder: Die Frau mit den zwei Ehe-männern“ schrieb Armin T. Wegner zusammen mit seiner ersten Frau, der deutsch-jüdischen Dichterin Lola Landau. Das Stück wurde in Starbesetzung in Berlin an der „Komödie am Kurfürstendamm“ aufgeführt - mit größtem Erfolg, ehe die Nazis auch Wegners und Landaus Bücher verbrannten. „Wasif und Akif...“ ist eine augenzwinkernde Auseinandersetzung mit der kulturellen Differenz, ein köstliches Spiel mit vertauschten Rollen zwischen Emanzipation und patriarchalischer Tradition, eine subversive „westliche“ Liebeserklärung an die orientalisch-islamische Kultur. In ihrer wissenden Heiterkeit kann Wegner-/Landaus „türkische Komödie“ heute, im Zeichen von Kopftuchdebatte und geschürten Feindbildern, sehr heilsam wirken.

Armin T. Wegner mit seiner ersten Frau, der deutsch-jüdischen Dichterin Lola Landau.
Foto aus Familienbesitz.


Else Lasker-Schüler, die eine tiefe Affinität zu den orientalischen Kulturen hatte, brachte ironisch verdichtet Wegners Verbundenheit mit „der Türkei“ in einem Brief an ihn auf den Punkt. Darin zeigt sich die Dichterin - wie Wegner jeglicher ´Ausländerfeindlichkeit´ gänzlich unverdächtig - als politische Poetin, welche fast spielerisch die Finger in die Wunde von Schuld und Verdrängung legt.
So wie sie sich selbst zum "Prinz von Theben" erhob, spricht sie Armin T. Wegner als "Pascha" an:

„Wertester Armin Pascha,

ich freue mich, dass Sie meiner gedachten, und wäre Ihnen sehr verbunden, wenn die Türkei die Schulden meiner bunten Stadt Theben bezahlen würde. Ihr Prinz von Theben.“

ZIVILCOURAGE KOMMT VON „ZIVIL“: WEGNERS HALTUNG ZUR GEWALT

Als Kind hatte Armin T. Wegner im Elternhaus heftige Auseinandersetzungen mit seinem preussisch-autoritären Vater. Die Züchtigung mit der Reitpeitsche durch den Vater hat der Dichter später immer wieder erinnert und nacherlitten, insbesondere, als er sie unter der Folter der Nazis abermals erleiden musste. Was bei so vielen Kindern seiner Generation bekanntermaßen in erhöhte Gewaltbereitschaft mündete, wurde bei Armin T. Wegner zur Suche nach Gewaltlosigkeit. Nicht zuletzt deshalb, weil ihn seine Mutter von Kindesbeinen an mit dem Gedankengut des Pazifismus vertraut gemacht hatte: Marie Wegner war eine bedeutende Vertreterin der frühen Frauen- und Friedensbewegung.
Später prägten Tolstoi und der gewaltlose Anarchismus Wegners Denken. Bereits in seinem ersten „Sendschreiben“ stellte Armin T. Wegner sich gegen den verhetzten „Zeitgeist“: Schon bald nach Beginn des Ersten Weltkrieges - die deutschen Intellektuellen, zu allermeist auch die der politischen Linken, überboten sich noch in „vaterländischer“ Kriegsbesoffenheit - brandmarkte Wegner das Verbrechen dieses Krieges und orientierte auf die Vision „europäischen Geistes“. Später berichtete er, er sei zu jener Zeit mit dieser Haltung „der einsamste Mensch gewesen“.

Abermals gegen den Strom ließ er nach der Novemberrevolution von 1918 einen Offenen Brief an Karl Liebknecht folgen, in dem er, glühend für die demokratische Erneuerung, eine klare Absage an die so genannte „revolutionäre Gewalt“ forderte. Sein Text „Die Verbrechen der Stunde – die Verbrechen der Ewigkeit“ (1919) ist ein bleibendes Manifest gegen Krieg, Terror und Gewalt, dessen Konsequenz nach allen politischen Seiten hin beeindruckt. Wegner trug es seinerzeit verschiedentlich selbst öffentlich vor – u.a. auf dem gesamtdeutschen „Aktivistenkongress“ 1919 in Berlin. Es drängte ihn über einsame ´Dichter-Größe´ hinaus – er wollte mithelfen, den gewaltlosen Widerstand auch praktisch-politisch zu organisieren: Wegner gründete mit Gleichgesinnten den „Bund der Kriegsdienstgegner“. Als dessen zeitweiliger Sekretär war er ein politischer „Großvater“ der heutigen Kriegsdienstverweigerer und ihrer Organisationen.

Wegners ethischer Pazifismus wurde vorübergehend erschüttert durch eine Reise in die Sowjetunion. Die Zweifel am Prinzip reiner Gewaltlosigkeit, die ihn dort befielen, trug er in großer Offenheit und Integrität aus – in seinem Reisebuch „Fünf Finger über Dir – Aufzeichnung einer Reise durch Russland, den Kaukasus und Persien 1927 / 1928“. Bei allem Interesse für das junge sowjetische Experiment warnte Wegner dort aber bereits hellsichtig vor Dogmatismus, Materialismus, Technikgläubigkeit und Überwachungsstaat - mithin vor all dem, was später als „Stalinismus“ zum brutal existierenden Zerrbild sozialistischer Träume wurde. Auch hier nahm Wegner kein Blatt vor den Mund: „Ich glaubte, hier Sturmvögel und Schwalben der Revolution zu finden. Ihr aber seid nichts als – Pflastersteine des Kommunismus“. Er ließ bereits ahnen, was später etwa George Orwell auf den Punkt brachte: Die sozial(istisch)e Idee wird gelähmt, vergiftet und verstellt durch die Diktatur eines totalitären „Kommunismus“. Bis heute - noch nach seinem Sturz - blockiert dieses Zerrbild alle Bilder gesellschaftlicher Gerechtigkeit, dient als Knüppel gegen soziale Phantasie und als Vorwand, nichts ändern zu können.

Zur Gewaltlosigkeit fand Armin T. Wegner bald zurück: Alles, was ab 1933 von ihm bekannt ist, zeigt ihn wieder als couragierten Pazifisten. In weiteren „Sendschreiben“ aus späteren Jahren beschwört er wieder und wieder den „Geist“ statt der „Grausamkeit“: Sein Aufruf „An meine jüdischen Brüder“ wendet sich an die bewaffneten zionistischen Verbände im jüdisch-arabischen Krieg 1948 - ; seine Denkschrift „Der Bruderzwist“ an den ägyptischen Staatspräsidenten nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967. Letztere blieb Entwurf – doch schon dieser bleibt so bemerkenswert wie seine Absicht: Wegner verfolgte dort - mit der ihm eigenen ´Naivität´ - kein geringeres Ziel als das, seine Denkschrift könne dazu beitragen, die Araber „von ihrem unsinnigen Zorn auf die Juden zu befreien“.

ZU WEGNERS BIOGRAPHIE

Armin T. Wegner mit seiner Großmutter Theophilia
Witt, geb. Meissner. Foto aus Familienbesitz.

Geboren wurde der Dichter 1886 in (Wuppertal-)Elberfeld. Er hätte auch in Breslau oder Hamburg zur Welt kommen können, oder wo immer sein Vater als hoher Beamter der Deutschen Reichsbahn Station machte. Die imperiale Expansion dieses damals modernsten Verkehrsmittels bis hin zur Bagdad-Bahn lieferte für den kleinen Armin nicht nur - wie für viele – den Stoff weltumspannender Träume. Die Bahn beeinflusste ganz unmittelbar das Leben seiner Familie, erzwang eine außergewöhnliche Mobilität. So wurde Armin das Reisen ins Blut gelegt. Ein Wanderer zwischen Welten - das galt für ihn viel direkter als es für jeden Dichter gilt. „Meine Schreibtafel ist die Erde“ schrieb er später in einem seiner Gedichte. Eines der wenigen derzeit greifbaren Wegner-Bücher heißt „Odyssee der Seele“. In der Tat: Sein 92-jähriger Lebensweg verschlug ihn wie Odysseus in die Fremde – allerdings ohne comeback: Nach Folter und KZ-Haft in der NS-Zeit, nach Ausbürgerung und Verbrennung seiner Bücher musste er Deutschland verlassen. Gestrandet am Golf von Neapel und auf der Vulkaninsel Stromboli starb Armin T. Wegner 1978 in Rom - ´übriggeblieben´ im Exil.

Als Kind erlebte der junge Armin nur wenige Jahre im vornehmen Villenviertel seiner Geburtsstadt. Um die Ecke wuchs Else Lasker-Schüler auf, mit der er später befreundet war. Früh zeigte er sich als eine Art preussischer Rebell - allerdings strikt gewaltlos.
(weitere biographische Angaben hier)

WER WAR ARMIN T. WEGNER?

- Ein Sohn aus ´gutem Hause´, der seine Abiturrede beschloss mit Walt Whitmans Aufruf: „Widersetzt Euch viel und gehorcht wenig!“
- Ein nicht eben typischer Jura-Student - er machte `seinen Doktor` über das Streikrecht!
So etwas tat nicht, wer nur auf die Karriere schielte. Im deutschen Kaiserreich war das alles andere als selbstverständlich, und auch heute ist es leider noch (oder: wieder) unüblich.
- Ein expressionistischer Dichter der Wanderung und des Todes, der Großstadt und der Liebe.
Von ihm stammen die ersten Gedichte in deutscher Sprache über Warenhäuser und Schlachthallen - lange bevor `solche Themen etwa bei Brecht `Mode` wurden.
- Ein Autor respektvoller Grenzüberschreitung, der buchstäblich er-fahren wollte, worüber er schrieb. Er `wollte es wissen`, wollte spüren, wie die „anderen“ leben, lieben und leiden. Sehr oft weit über seine eigene, hohe Toleranzschwelle hinaus. Mit seinem Namen verbinden sich einfühlsamste Reiseberichte aus Russland, Armenien und dem Nahen Osten, aber auch Gedichte über Obdachlose und Kranke, über grenzüberschreitende Regionen („Der Riese Landschaft“) oder die Zärtlichkeit von Knaben („Die Beiden“) - bis hin zu einem Liebesgedicht, dessen freizügige Erotik offen lässt, welches Geschlecht die Liebenden haben („Ava“).
- Ein berühmter Prosaschriftsteller und politischer Publizist, als Mitbegründer des „Bundes der Kriegsdienstgegner“ ein Vorbild des zivilen Ungehorsams und der Friedensbewegung.
- Ein Bestsellerautor, bis die Nazis ihn - wie so viele - aus Deutschland jagten und seine Bücher auf die Schwarze Liste der Verbrennung setzten. Sein Reisebuch „Am Kreuzweg der Welten“ war seinerzeit eines der meistgelesenen Dokumente über das ´Heilige Land´ und seine blutige Realität. Weil sich dort bis heute in puncto Intoleranz und Ignoranz, Projektion und Gewalt leider prinzipiell wenig verändert hat, ist dieses Werk Wegners noch immer eine zeitlose Begegnung mit dem Nahen Osten. Streckenweise lesen sich die Reportagen dieses Buches aus Bagdad, Nadschaf, Basra, Jerusalem oder Kairo heute so aktuell wie die besten Korrespondentenberichte der Gegenwart. Was Wegner dort an Er-Fahrungen und Begegnungen mit den „Fremden“ verarbeitet, die er auf seinen ausgedehnten Motorradreisen in diesem Teil der Welt erlebte, ist noch immer ein Zeugnis für ´standfeste Unvoreingenommenheit´.

In seinem engagierten Kindheitsroman „Moni – oder: Die Welt von unten“ antizipiert Wegner Erkenntnisse moderner Psychologie und Pädagogik. Auch dieses Buch erreichte vor dem NS-Regime hohe Auflagen, dazu Übersetzungen, u.a. ins Niederländische und ins Japanische.

Lebenslang ein Anwalt der Entrechteten, blieb Wegner Skeptiker und unbestechlicher Mahner auch noch in den Zeiten seiner späten Ehrung. In seiner Geburtsstadt Wuppertal formulierte er etwa bei der Entgegennahme des von-der-Heydt-Preises 1962:

„Warum in aller Welt feiern sie mich, und niemand spricht von der Schuld des Schrecklichen, das geschah? Ist dies nicht das gleiche Volk, das mich beschimpft, die Frau von meiner Seite gerissen, mich und mein Kind in die Fremde getrieben hat? Dasselbe Volk, das so wenig aus seinem Unglück lernte, das schon wieder zum Kriege rüstet, nur auf Wohlstand und Gewinn bedacht?“

Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) ehrt Armin T. Wegner dauerhaft als „Gerechten der Völker“ – nicht zuletzt für seinen legendären „Brief an Hitler“. Darin hatte der Dichter 1933 gegen die Verfolgung der deutschen Juden durch das NS-Regime protestiert - als einziger prominenter Deutscher nach dem Machtantritt der Nazis. Für diese mutige Tat hat man Armin T. Wegner später mit jener höchsten Auszeichnung im „Wald der Gerechten“ von Yad Vashem ´verewigt´ - wie nach ihm etwa Oskar Schindler oder, posthum, den jugendlichen Kölner Widerstandskämpfer und „Edelweißpiraten“ Barthel Schink.

Von Armin T. Wegner sind gegenwärtig im Buchhandel erst wenige Werke wieder erhältlich, so das Hörbuch "Bildnis einer Stimme", die Anthologie „Odyssee der Seele“ und der „Brief an Hitler“ – beide im Wuppertaler Peter Hammer Verlag. Der Wallstein-Verlag, Göttingen, der die Rechte hält, bereitet die Wegner-Werkausgabe vor.
Geplant ist die Veröffentlichung des Briefwechsels von Armin T. Wegner und Lola Landau - Zeugnisse der Liebe und der Fremdheit eines tragischen, deutsch-jüdischen „Jahrhundert-Paares“.

 

Der Autor ist Musiker, Komponist und Autor. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitet er an der öffentlichen Würdigung Armin T. Wegners, u.a. mit Konzerten, Vorträgen, Publikationen und interkulturellen Projekten. Er schrieb und realisierte die ersten Chansons zur Lyrik von Armin T.Wegner, ferner die Bühnenmusik zur türkischen Komödie „Wasif und Akif" oder: Die Frau mit den zwei Ehemännern“ von Armin T.Wegner und Lola Landau.
Buchveröffentlichungen, u.a. „Es lebt noch eine Flamme“, ein Standardwerk über syndikalistischen Widerstand gegen das NS-Regime. Aufsatz über Armin T. Wegner in dem Buch "Krieg und Utopie", Essen 2006. Konzerte und Tourneen in Israel, Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie beim ZDF, WDR, SWR und NDR, beim deutsch-deutschen Liedermacherfestival in Rheinsberg 1992, Rudolstadtfestival 2003 und beim Berliner Festival Musik und Politik 2005, in Goethe-Instituten und dem Haus der Kulturen der Welt. Musikprojekte der internationalen Verständigung wie „Europe meets Australia“ und „Picture of a voice“. Herausgeber der Armin T. Wegner Doppel-CD: "Bildnis einer Stimme". Seine Lieder und Liedzyklen zum Werk verbrannter oder verbannter Autorinnen und Autoren wurden in vielen Ländern aufgeführt, insbesondere musikalische Zyklen zur Lyrik von Else Lasker-Schüler, Paul Zech, Erich Mühsam, Armin T. Wegner und Lola Landau , zu Texten von Asylsuchenden und von verfolgten Autor/inn/en der Gegenwart. Die Armin-T.-Wegner-Gesellschaft e.V., deren Vorstand er angehört, wurde von ihm mitgegründet.